Heimat

Garzweiler II Panorama

Vor gut einer Wochen fand der letzte Gottesdienst in der Immerather Kirche bei Erkelenz statt. Seitdem steht diese genauso leer wie das Krankenhaus, der Bäcker, der Metzger, die Apotheke und der Großteil der Häuser des Dorfs, in dem einmal mehr als 1.500 Menschen wohnten. Ein paar Minuten weiter nördlich, in Borschemich, wo zu Hochzeiten fast 800 Menschen wohnten, sind die Straßen bereits vollkommen ausgestorben. An fast allen Häusern sind die Rolläden heruntergelassen, Fenster verbrettert, Türen vergittert. Erste Scheiben wurden eingeworfen, manche Häuser besprüht. Nachts patroulliert ein Sicherheitsdienst, um die Handvoll verbliebenen Bewohner vor Plünderern zu schützen. Ein Besuch dort ist ein etwas surreales Erlebnis. Es erinnert an eine Filmkulisse. Man erkennt das Dorf noch, aber es ist tot. Vollkommen ruhig, bis auf das Rauschen der nahen Autobahn.

Garzweiler II Panorama

Wann genau die Bagger in Immerath und Borschemich anrücken werden, um die Dörfer einzuebnen (der Fachbegriff ist ernsthaft “abbaggern”), weiß momentan niemand. 2017 soll es wohl soweit sein. Wenn sie kommen, wird es den Orten genauso gehen wie den Dutzenden anderen, oft Jahrhunderte alten Dörfern und dörflichen Stadtteilen im Rheinischen Braunkohlerevier, die in den letzten Jahrzehnten dem Abbau von Braunkohle weichen mussten.

Seit 1858 entstanden diverse Gruben und Abbaufelder, die dann 1983 im Großtagebau Garzweiler zusammengeschlossen wurden. Die Ortschaften, die dem Abbau im Weg standen, wurden vollkommen legal abgebaggert. So verschluckte der Tagebau in den 70er und 80er Jahren die Orte Reisdorf, Garzweiler, Priesterath, Stolzenberg, Elfgen, Belmen, Morken-Harff, Epprath, Omagen und Königshoven. Ihre Bewohner wurden entschädigt und zwangsumgesiedelt. Seitdem wächst die Grube immer weiter. Anfang 2006 wurde der Tagebau Garzweiler nahtlos in das noch einmal 48 Quadratkilometer große Garzweiler II ausgedehnt. Alle Klagen und Verfassungsbeschwerden von Bürgern und Umweltschützern wurden bislang abgewiesen. Der genehmigte Abbauzeitraum reicht bis 2045.

Doch noch liegt einiges im Weg der Bagger. Direkt westlich des aktuellen Tagebaus verläuft die A61. Links und rechts davon sind auf vielen Landkarten noch Holz, Otzenrath, Spenrath, Borschemich, Pesch, Immerath und Lützerath verzeichnet. Doch die Karten werden bald neu gezeichnet werden müssen. Otzenrath, Spenrath und Pesch sind bereits vollkommen verschwunden. Die Häuser wurden abgerissen, die Zufahrtsstraßen gesperrt, die Straßenschilder entfernt. Die Abbruchkante des Tagebaus rückt immer näher und bald wird dort, wo einmal das Dorf stand, nur noch das braune Loch sein. Danach werden die Bagger mit Borschemich, Immerath und Lützerath weitermachen. Die Autobahn dazwischen werden sie auch mitnehmen. Und wenn sie damit fertig sind, wird es weitergehen mit Berverath, Holzweiler, Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich und Unterwestrich. Insgesamt zwölf Dörfer sind von Garzweiler II betroffen und werden von RWE abgebaggert. 7.600 Menschen verlieren dadurch ihre Heimat. Sie müssen in der Umgebung in neu geschaffene Siedlungen mit Namen wie Neuotzenrath oder Borschemich (neu) umziehen. Neubaugebiete von der Stange, zum Teil mit eigenem Kirchturm und künstlichem Marktplatz. Was wohl eine Reminiszenz an die verlorene Heimat sein soll, wirkt in dieser Umgebung wie zusätzlicher Hohn.

Was bleibt, ist ein braunes Loch in der Landschaft und ein blinder Fleck auf den Landkarten. Wenn Garzweiler II spätestens 2045 “ausgekohlt” ist, muss die entstellte Landschaft rekultiviert werden. Da RWE nicht annähernd genug Erde hat, um die Krater zu verfüllen, geschieht dies vor allem mit Wasser. Die aktuelle Planung sieht vor, etwa 40 Jahre lang einen Teil des Rheins in das Loch zu leiten. So soll ein See von 23 Quadratkilometern Größe und bis zu 185 Metern Tiefe entstehen.

Wer sich einmal selber ein Bild vom Braunkohleabbau und seinen Ausiwrkungen machen möchte, dem sei ein Besuch sowohl der Tagebau-Aussichtspunkte als auch der “Geisterdörfer” sehr empfohlen. Auch fotografisch gibt das einiges her. Da ich weniger einen Foto- als vielmehr einen (zugegeben etwas morbiden) Familienausflug gemacht habe, mussten bei mir ein paar Schnappschüsse mit anschließender Lightroom-Spielerei reichen.

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5 Gedanken zu „Heimat

  1. Tolle Bilder und eine wirklich bewegende Geschichte der Region, die sich anhand der traurigen Schicksale der kleinen Städte erzählen lässt. Eine Frage habe ich an Dich. Ich würde gerne ähnliche Bilder aufnehmen, bei mir in Ostdeutschland gibt es ganz ähnliche Gegenden, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Eignet sich diese Kamera http://www.ebay.de/bhp/canon-eos-7 dafür? ich bin mir irgendwie unsicher, ist ja auch ne ziemliche Geldanlage, die man da tätigt.

    1. Die Technik ist beim Fotografieren ja nur ein Faktor von vielen. Prinzipiell ist die 7D sicher eine sehr gute Kamera. Ich habe auch „nur“ eine 550D. Andere machen tolle Bilder mit ihrem iPhone. Es kommt wirklich darauf an, welche Ansprüche man genau an die Technik hat. Man kann auch tausende Euros für eine Kamera ausgeben – die macht aber so ganz von alleine auch nicht gleich die viel besseren Bilder.

  2. Hallo Jan,
    Deine Bilder sind echt ausdruckstark und gefallen mir gut. Ich war selbst einmal als Student in Garzweiler II (wir sind mit einem grossen Exkursionsbus unten rum gefahen – das war im negativen Sinne super beeindruckend.

    Jetzt menie Frage, erlaubst du das ich dein erstes Bild aus deinem Beitrag für meine Website nutzen darf (http://www.windenergie-im-binnenland.de/flaechenverbrauch.php) ? Natürlich mit Nennung deines Namnes und eines Links hier her.
    viele Grüsse aus Hamburg
    Stefan Kopp

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