Opferbilder vom Boston Marathon – Unmoralisch oder journalistisch korrekt?

Tribüne nach dem Anschlag auf den Boston Marathon 2013

Bei einem Anschlag auf Teilnehmer und Zuschauer des Boston Marathons gestern starben 3 Menschen, viele weitere wurden verletzt. Wahrscheinlich reagierten alle, die es in den Nachrichten gesehen haben, mit einer ähnlichen Mischung aus Fassungslosigkeit, Wut und Mitgefühl. Bei den TV-Bildern fiel mir aber auch ein Punkt auf, der den Beruf des Bildjournalisten (Foto und Bewegtbild) in wenigen Sekunden sehr anschaulich beschreibt: als der Sprengsatz an der Ziellinie explodierte, rannten Läufer und Zuschauer so schnell wie möglich hiervon weg. Eine wohl sehr natürliche Reaktion. Gleichzeitig sieht man Fotografen und Kameraleute sich entgegen der Panik der Anderen auf den Explosionsort zubewegen, die Kameras im „Anschlag“. Der natürliche Fluchtinstinkt ist bei ihnen nicht nur ausgeschaltet, sondern wird angesichts ihrer Aufgabe, die Situation zu dokumentieren, ins Gegenteil verkehrt.

Tribüne nach dem Anschlag auf den Boston Marathon 2013
Urheber: Aaron „tango“ Tang, Flickr, Lizenz: CC BY 2.0

Mittlerweile sieht man auf einigen News-Seiten auch die Bilder, die diese Fotografen aufgenommen haben.  Ich möchte die Bilder hier gar nicht zeigen oder auch nur genauer beschreiben, aber sie sind wirklich drastisch und für manche sicher verstörend. Unter anderem veröffentlicht wurden sie auf der Seite der Huffington Post (nur klicken, wenn man das wirklich sehen möchte). Auch dort werden die Leser eindringlich davor gewarnt, die Bilder anzusehen, wenn sie auf so etwas eher empfindlich reagieren. In den Kommentaren bei der Huffington Post entwickelt sich seitdem eine kontroverse Diskussion. Viele Nutzer fordern, die Bilder aus dem Netz zu nehmen, andere argumentieren dagegen. Die einen sagen, dass die Fotos aus Respekt vor den Opfern und ihrer Familien (vor allem wenn Angehörige die Bilder zufällig sehen sollten) nicht gezeigt werden sollten. Die anderen sagen, dass es sich um die Dokumentation des Ereignisses handeln würde, das zwar schrecklich gewesen sei, aber eben doch stattgefunden habe, und dass jeder Leser selber entscheiden könne, ob er sich die Bilder anschaut oder nicht.

Eine wirklich schwierige Frage. Beide Seiten haben durchaus nicht ganz Unrecht.

Mit persönlich helfen solche Bilder dabei, ein Ereignis zu verstehen, und daher schaue ich mir sie auch an. Ich erinnere mich daran, dass auch bei der Loveparade-Katastrophe erst die Bilder und Videos das wirkliche Ausmaß für mich verständlich machten. Für mich ist das Anschauen der Bilder daher auch kein Voyeurismus oder Sensationsgier. Selbstverständlich  erfreue ich mich nicht daran, ganz im Gegenteil. Die „Standard“-Berichte und Bilder der Medien geben für mich aber einfach nicht wieder, was wirklich passiert ist. Ich bekomme keinen Bezug dazu, das Ereignis bleibt für mich eher unwirklich, und ich stehe dem dadurch irgendwie gleichgültig gegenüber. Erst durch die Bilder wird das Ereignis (und damit der Schrecken und die vielen persönlichen Tragödien) erst wirklich verständlich. Es bleibt natürlich die Frage, ob das so sein muss. Ob die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, ein Ereignis zu verstehen, wenn dadurch Einzelne in ihrer Würde verletzt werden könnten.

Fast jeder Fotojournalist sagt wohl, dass er lediglich die Realität dokumentiert. Dass das Ereignis nun einmal passiert sei und jeder Umstehende es gesehen hat (bzw. sehen musste). Dass er die Realität nachvozlliehbar macht  für die Öffentlichkeit, welche ein Recht hat, zu erfahren, was wirklich passiert ist. Und dass er häufig Dinge dokumentiert, die die Welt sonst nie erfahren hätte und es zudem sei unmöglich, eine Grenze zu ziehen, zwischen dem, was man noch zeigen „darf“ und dem „Verbotenen“.

Ich neige dazu, dem zuzustimmen.
Was meint Ihr?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.