The revolution will not be televised – Die Macht der Bilder aus der Ukraine

Bilder Ukraine Kiew Revolution

Was Gil Scott-Heron vor mehr als 40 Jahren sagte (wenn auch in etwas anderem Kontext), gilt heute mehr als je zuvor: „The Revolution Will Not Be Televised.“ Revolutionen finden medial nicht mehr im Fernsehen, sondern im Internet statt. Schon die Aufstände in Iran, Ägypten und Tunesien wurden als Facebook-Revolution bezeichnet. Gerade erst blockierte die Regierung Venezuelas angesichts immer größer werdener Proteste offenbar gezielt Twitter, Tumblr und Linkedin. Aber die Bedeutung von Internet und Social Networks für Demonstrationen (oder sogar Revolutionen) geht weit über organisatorische Dinge hinaus. Denn sobald Gewalt, von welcher Seite auch immer, eine gewisses Level erreicht, berichten klassische Medien aus Sicherheitsgründen kaum noch von der „Front“. Der Fernsehzuschauer sieht dann vielleicht mal in den Nachrichten einen Korrespondenten, der aus sicherer Entfernung vom Balkon eines Hotelzimmers Analysen abgibt , die genauso gut aus Deutschland kommen könnten. Oder die eigentlich angebrachte Sondersendung fällt gleich aus, weil bei der ARD vor Ort gerade Personalwechsel ist. Es bleiben einige wenige Agentur-Fotografen, die professionell in Krisengebieten arbeiten, und eben die Menschen vor Ort. Für sie sind die Social Networks daher oft der einzige Weg, die Welt direkt auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Und schon immer gelingt dies durch Bilder viel besser als durch Text. Durch entsprechende Mobilfunknetze ist nun aber auch die Technik soweit, dass Demonstranten und Berichterstatter per Fotos und Videos quasi „live“ berichten können. In den vergangenen Tagen starben in der Ukraine mehr als 80 Menschen bei Protesten gegen die Regierung. Die Berichterstattung darüber wurde maßgeblich durch Twitter, Facebook und YouTube bestimmt.

Die Ästhetik der Gewalt
Das Ziel eines Pressefotos ist Aufmerksamkeit. Daran ist nichts Schlechtes zu sehen, im Gegenteil. Häufig gehören Fotografen in Krisengebieten zu den wenigen Menschen, die die Öffentlichkeit auf bestimmte Vorgänge aufmerksam machen können. Die Frage ist nur immer: wie weit darf dieses Streben nach Aufmerksamkeit gehen? Dabei ist gerade in den letzten Jahren eine gewisse Entwicklung zu einer „ästhetischeren“ Darstellung zu beobachten. Krieg und Gewalt werden nicht nur dokumentiert, sondern der Bildstil spielt eine immer wichtigere Rolle. Nicht zuletzt das aufgrund von Manipulationsvorwürfen umstrittene Gewinnerbild des World Press Photo Awards 2013 von Paul Hansen („Trauerzug in Gaza“) steht mit seiner HDR-Optik exemplarisch für diesen Stil, mit dem Fotografen auch in Krisensituationen versuchen, eine gewisse Ästhetik zu verfolgen. Das war in Kiew nicht anders.

Häufig erreichen gerade diese Bilder eine große Wirkung, werden als beeindruckend empfunden und entsprechend häufig auf Twitter weiterverbreitet. So gesehen erfüllen sie ihre Bestimmung. Dazu kommen technische Mittel, die heute Bilder ermöglichen, die bis vor kurzem noch undenkbar waren. Wie zum Beispiel diese Dronen-Aufnahmen von Russia Today, denen man sich kaum entziehen kann. Was bedeutet es aber, wenn diese Bilder nur noch wie eine Art „war porn“ auf Twitter und Facebook mit einem „Wow!“ versehen geteilt werden? Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht…

 

Vorher/Nachher
Eine große Wirkung erreichten auch die Bildmontagen des Maidan, die den Platz jeweils vor und nach den Protesten zeigen. Auch hier zeigt sich die Funktionsweise der Social Networks, deren Inhalte einen „Wow-Effekt“ benötigen, um viral verbreitet zu werden.

Die Wahrheit?
Zu den schockierendsten Bilddokumenten aus Kiew gehören sicher die Videos der Demonstranten. Sie zeigen Menschen, die unbewaffnet und nur durch dünne Schilde geschützt in Richtung der Polizei vorrücken und gezielt erschossen werden. Sie zeigen Demonstranten, die in einer zum provisorischen Krankenhaus umfunktionierten Hotel-Lobby notoperiert werden. Sie zeigen Tote und Verletzte. Das ist ungefiltert, direkt und oft nur schwer zu ertragen. Natürlich sind diese Bilder nach journalistischen Maßstäben ungeprüft. Jeder muss selber entscheiden, was er glauben will und kann. Und auch, ob man das wirklich sehen möchte, muss jeder für sich entscheiden. Ich wollte verstehen, vielleicht zumindest im Ansatz nachempfinden, was dort passiert und hierbei haben diese Bilder geholfen. Verlinken werde ich sie hier aber nicht.

Die Story
Eine beeindruckende Story ist eine Sache, eine beeindruckende Story mit einem beeindruckenden Bild eine ganz andere. Am Nachmittag des 20. Februar wurde die Geschichte von Olesya Zhukovska unzählige Male geteilt. Die 21-jährige war als freiwillige Sanitäterin auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew aktiv. Eine Kugel traf sie in den Hals. Der letzte Eintrag auf ihrem Twitter-Account bestand aus zwei Worten: „Ich sterbe“. Ein Foto zeigte sie, wie sie, offenbar noch bei Bewusstsein, von einem Helfer gestützt wurde. In ihrer rechten Hand hielt sie ihr Smartphone.

https://twitter.com/goddan/status/436484856626024449

Auf Twitter wurde berichtet, dass sie gestorben sei. Ihr Twitter-Account blieb stumm. Glücklicherweise stellte sich dies als falsch heraus. Olesya wurde notoperiert und überlebte. Die Story aber ging um die Welt und lenkte wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit auf den Konflikt als viele Presseberichte.

Vice – Journalismus auf Dubstep
Wenn es um Bildsprache und Erzählweise geht, ist Vice wohl der Gegenentwurf zur klassischen Nachrichten-Berichterstattung. Vor 20 Jahren in Montreal als Zeitschrift gegründet, ist es seit einiger Zeit auch als Produzent von Dokus bekannt, die sich mit Themen befassen, die von den üblichen Medien selten beleuchtet werden. Das hat immer subkulturellen Appeal. Der Stil ist wuchtig und voll auf die junge Zielgruppe zugeschnitten. Vice behauptet von sich, dahin zu gehen, wo sonst kein Journalist mehr hingeht. Sie berichten von Drogengangs, aus Ghettos oder aus Kriegsgebieten. Mittlerweile arbeiten mehr als 100 Redakteure in 34 Büros weltweit für Vice. Die Berichte sind dabei anders, als man sie von klassischen Medien gewohnt ist. Sie zeigen Action. Sie wollen gar nicht ausgewogen sein. Sie sind oft subjektiv, nicht selten tendenziös. Der Bildstil erinnert dank DSLR und lichtstarker Optik eher ans Kino als an Nachrichten. Schon im Sommer 2013 berichtete eine Vice-Reporterin mitten aus den Demonstrationen in Istanbul. Und auch aus der Ukraine berichtete Vice so direkt wie wohl kein anderes Medium.

Demnächst startet Vice eine eigene Nachrichtensparte. Das wurde mancherorts zwar schon als „CNN für Hipster“ belächelt, könnte aber einen größeren Einfluss auf die Berichterstattung aus Krisengebieten haben, als viele heute noch glauben. Denn die Ästhetik der Videos trifft den Nerv der Zielgruppe und erfüllt alle Kriterien, um intensiv „gesharet“ zu werden, was in der modernen Medienwelt immer mehr zur neuen Währung wird.

Überprüfe deine Quellen
Nachdem am Freitag vergangener Woche Präsident Janukowitsch tatsächlich „vertrieben“ werden konnte, machten sich am Samstag tausende Menschen auf zu seinem bislang streng geheim gehaltenen Anwesen vor den Toren Kiews. Was sie dort sahen, ließ die meisten sprachlos zurück. Auf dem parkähnlichen Areal gab es neben der riesigen Villa einen Privatzoo, einen Hubschrauberlandeplatz, Golf- und Tennisplätze, mehrere Oldtimer-Fuhrparks, eine künstliche Tempelruine und am Yachthafen eine Bar in Form eines Schiffes, das einer spanischen Galeone nachempfunden wurde. Den ganzen Tag wanderten die Menschen über das Gelände, machten Fotos und stellten viele davon auf Twitter. Ein Bild stach dabei hervor. Es zeigte angeblich die absurd luxuriöse Toilette Janukowitschs in Form eines Throns und verbreitet sich rasend schnell über Twitter. Zweifel waren durchaus angebracht. So war es sehr seltsam, dass immer nur das selbe Bild geteilt wurde, obwohl doch tausende Ukrainer auf dem Gelände unterwegs waren und ihnen dieses Klo sicher auch aufgefallen wäre und sie es fotografiert hätten. Aber die Story war gut und die Verbreitung immer nur einen Klick entfernt… Erst nach einigen Stunden wurde klar, dass es sich um einen Fake handelte und das Bild schon seit Jahren im Netz kursiert.

Dies zeigt zugleich die große Schwäche der Social Networks. Kaum etwas ist sicher. Niemand hat die Quelle überprüft. Alles könnte ein Fake sein. Die Prüfung und Einordnung von Fakten muss der Leser selbst übernehmen. Das ist in der Ukraine nicht anders als in Venezuela, was dieses Video zeigt. In diesem Sinne: „Verifica tus fuentes. – Überprüfe deine Quellen.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.